Einfach leben (16) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Es ist Freitag, der Dreizehnte. Vor zwei Tagen wurde der Vater aus dem Krankenhaus entlassen, aber ich kann ihn weder auf dem Handy noch auf dem Festnetz erreichen. Auch Ernie nicht, das ist eigenartig. Dann endlich habe ich Bernd, einen der beiden jungen Freunde meines Vaters, am Apparat. Er hat eine schlechte Nachricht für mich. Der Vater ist gestorben. Es wäre ganz schnell gegangen. Ob ich nach Berlin kommen könnte? „Einfach leben (16) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (15) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Mein Traumleben wird intensiver, oder ich erinnere mich wieder besser an Träume. Von mir aus müsste das nicht so sein, da es sich ohne Ausnahme um Albträume handelt. Auch die Nazizeit, die ich selbst gar nicht erlebt habe, spielt wieder eine Rolle. Ich – wenn ich nur wüsste, um welches Ich es sich handelt – verstecke Menschen, die gesucht werden, die man gefoltert und verletzt hat. Auf den Straßen Autojagden mit den typischen Wagen der Dreißigerjahre, wie ich sie aus Filmen kenne. „Einfach leben (15) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (14) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Das Gebäude der Klinik steht auf einem Hügel. Nobel ist es hier nicht, eher zweckmäßig. Aber es gibt ein Schwimmbad, eine kleine Sauna, und ich stelle mich darauf ein, sechs Wochen lang versorgt zu werden. Sogar das Mittagessen wird uns am Platz serviert. Ich muss tatsächlich nichts weiter tun, als mich um mich selbst zu kümmern. Paradiesische Zustände. „Einfach leben (14) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (13) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Meine liebe Nanette! Dein Brief hat mich ein wenig beunruhigt. Deswegen schreibe ich sofort. Du hast eine Depression, das werden sie Dir in diesem Krankenhaus wohl gesagt haben, oder etwa nicht? Glaube mir, mit Depressionen kenne ich mich aus Manchmal wird es bei Frauen besonders schlimm, wenn sie in die Wechseljahre kommen. Dann wollen Dinge ans Tageslicht, die sie bisher verdrängt haben. Bei mir war es auch so. „Einfach leben (13) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (12) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Im Krankenhaus hatten sie mir empfohlen, noch einmal Therapie zu machen. Obwohl ich dachte: Wozu soll das gut sein? Ich habe fünf Jahre Therapie hinter mir, auch wenn das fünfzehn Jahre her ist. Wäre das jetzt nicht ein Eingeständnis von Hilflosigkeit? „Einfach leben (12) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (11) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Es dauerte lange, bis ich G. das nächste Mal sah. Es war irgendwann Mitte der Achtzigerjahre, damals lebte ich schon in West-Berlin. Wieder kam er für ein paar Monate nach Europa, besuchte Italien, Frankreich, er hatte überall noch Freunde von früher. Ein paar Wochen verbrachte er auch in seiner alten Heimat Berlin. Wo er nichts Besseres zu tun hatte, als die Beziehungen seiner Freunde durcheinanderzubringen, wie mein Vater boshaft bemerkte. „Einfach leben (11) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (10) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Später hatten wir uns dann häufiger gesehen, ein- oder zweimal im Jahr. Allerdings kamen auf zwei Verabredungen mindestens vier, bei denen er mich versetzte. Das waren die Tage, an denen ich stundenlang am Grenzübergang Bornholmer Straße stand, egal ob Sommer oder Winter, und nicht glauben konnte oder wollte, dass er wieder einmal nicht kommen würde. „Einfach leben (10) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (9) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Während ich noch mit meinen Dämonen und heimlichen Wünschen ringe, bricht plötzlich und unverhofft die reale Welt in meinen Alltag ein. Wenn es bisher immer die anderen waren, deren Eltern krank wurden und gepflegt werden mussten, am Ende gar starben, bin nun auch ich von diesem Umstand betroffen. Der Vater liegt im Krankenhaus. „Einfach leben (9) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (8) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Ich hatte mich nach einem Menschen gesehnt, dem ich mich zugehörig fühle. In männerlosen Zeiten bin ich heimatlos. Früher habe ich mich deswegen für neurotisch gehalten. Bis ich eines Tages in einem Buch über Beziehungen las, dass Partnerschaft ja auch Zeugenschaft bedeutet. Mein Partner ist der Einzige, der mein Leben bezeugen kann. „Einfach leben (8) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen

Einfach leben (7) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012

Es dauert eine Weile, bis ich mich in meiner Wohnung wieder heimisch fühle, nicht länger nur schmutzige Kleidung, sondern auch durcheinanderhüpfende Gedanken sortiere und überlege, wie es weitergehen soll. An meinem Zustand hat sich nichts geändert, alles ist so wie vor dem Krankenhaus. „Einfach leben (7) – Aus dem Langzeitprotokoll 2008–2012“ weiterlesen